Zynische Zeiten

Untersuchungen zwischen Realität
und Imagination

Blanca Domínguez Cobreros

 

Zynische Zeiten ist eine praktisch-theoretische Arbeit. Der Theorie-Teil ist eine Reflektion zum Zynismus in der politisch-engagierten künstlerischen Praxis, die aus einer historisch-philosophische Perspektive betrachtet wird.

Die Reflektion ist aus der Beobachtung eines eigenen praktischen Projektes entstanden. Das Projekt begann 2016 im Rahmen der Klasse von Ai Weiwei. Hierbei habe ich mich mit der Situation der Container-Wohnungen für Flüchtlinge in Berlin auseinandergesetzt, anhand des Beispiels des sogenannten „Tempohomes“. Das ursprüngliche Stadt-Projekt bestand aus 30 Camps, die sich über Berlin verteilen sollten. In diesen Lagern gab es Behausungen, die etwa 500 Menschen für drei Jahren beherbergen konnten. Zum Zeitpunkt meiner Recherche waren etwa 70.000 Geflüchtete in Berlin angekommen.

Nach mehreren Monaten (und ohne ein Camp betreten zu dürfen) bemerkte ich,
dass meine Bedenken bezüglich der Recherche und des Wissens nicht so dringlich waren wie die Frage, wie ich mich einem so sensiblen Thema annähern sollte, wenn ich mich diesem gegenüber zugleich als so außenstehend fühlte. Plötzlich kam mir das folgende Wort in den Kopf: Zynismus.

„Bin ich zynisch?“ Und… was bedeutet Zynismus genau? Ich schwamm in einem
theoretischen Meer und mir fehlte ein Kontaktpunkt, der mich an die empirische Realität band. Im Sommer 2017 traf ich auf Roudabeh. Sie wohnte in einem Camp der „Tempohomes“. Sie war gemeinsam mit ihrem Ehemann einige Monate zuvor in Berlin angekommen. Kurz vor unserem ersten Treffen hatte sie einen Sohn zur Welt gebracht. Das Paar ist ursprünglich aus dem Iran, wo der Großteil ihrer Verwandten heute noch lebt. Sie ist Lichtdesignerin, er Architekt. Ich fragte sie, ob sie gerne mit mir zusammenarbeiten würde, indem sie mir regelmäßig Fotos mit ihrem Handy schickte, die von einem festen Punkt im Raum aufgenommen worden waren. Von jedem Foto machte ich eine Zeichnung. Zudem verdeutlichte ich, dass dies ein Langzeitprojekt sein sollte, das so lange andauern würde, wie sie in der Unterkunft leben würde. Sie stimmte zu. Roudabeh und ich haben eine Korrespondenz von Fotos und Zeichnungen ausgetauscht, die ihren Aufenthalt in ihrem damals aktuellen Lebensumfeld dargestellt hat, bis die Familie im April 2018 die Möglichkeit bekam, in eine reguläre Mietwohnung umzuziehen.

Parallel zu diesen Zeichnungen bin ich tief in ethische Fragen eingetaucht und habe mich gefragt, was an künstlerischer Praxis, die sich als politisch engagiert versteht, zynisch sein kann. Mein eigenes Projekt war der erste Schritt, um mich mit persönlichen und schwierigen Fragestellungen zu beschäftigen und um darauf hinzuarbeiten, eine neue Einstellung zur künstlerischen Praxis zu erhalten. Zu sehen ist die Sammlung der Zeichnungen, die in den zehn Monaten unserer Korrespondenz entstanden sind: die Spuren von Zeit im zeitweiligen Wohnen.

Art in Context (Kunst im Kontext), Universität der Künste Berlin (UdK Berlin), Rundgang 2018
Living Temporarily, 2018, Blanca Domínguez Cobreros

Blanca Domínguez Cobreros
Blanca Domínguez Cobreros ist Architektin und hat seit ihrem Abschluss in Sevilla 2012 einen Weg zwischen Kunst und Architektur gewählt, der auf verschiedene Weisen die Rolle der Architektur kritisch thematisiert. Heute sucht sie außer „kritisch“ nach weiteren Adjektiven, z.B: anregend, zuversichtlich, langweilig, erfinderisch, spekulativ, utopisch, ehrlich, persönlich…

Betreut von Prof. Dr. Jörg Heiser