Spurensuche auf dem 38. Breitengrad Koreas

Jeewi Lee

 

Seit einigen Jahren arbeite ich an einem künstlerischen Werkzyklus, der sich mit dem Sichtbarmachen von historischen und alltäglichen Spuren beschäftigt. Ich untersuche verschiedene Möglichkeiten Spuren zu „konservieren“ bzw. durch eine künstlerische Arbeit visuell festzuhalten. Dabei sind die meisten Arbeiten mit einer künstlerischen Aktion verbunden.

Für meine Masterarbeit habe ich mich auf die Suche nach sehr persönlichen Spuren meines Lebens gemacht, um diese künstlerisch zu untersuchen. Meine Heimat Südkorea ist bis heute ein geteiltes Land.

Ich möchte die „Narbe“ meiner Heimat, die Grenze, physisch erfahren und in visueller Form „konservieren“. Aufgrund dessen habe ich mich persönlich zum 38. Breitengrad, dem Ursprung der Teilung Koreas begeben, um auf dieser Linie zehn Orte festzulegen, an denen ich Bäume, die älter als die Teilung des Landes sind, suchte. Von diesen vor 1945 gewachsenen Bäumen, welche dementsprechend bereits während der Teilung von 1945 und dem Koreakrieg (1950–53) standen, habe ich mit Hilfe der traditionellen asiatischen Drucktechnik „Takbon“ Papierabdrücke von deren Rinde abgenommen. Diese Abdrücke der Baumrinden symbolisieren wie Fingerabdrücke den Status der Bäume als Zeitzeugen der Trennungsgeschichte.

Arbeitsprozess „Spurensuche auf dem 38. Breitengrad”

Der heutige Grenzverlauf bedingt, dass jeweils fünf Punkte in Süd- und fünf Punkte in Nordkorea liegen. Diese Unvollständigkeit – unvollständig, weil es südkoreanischen Staatsbürgern verwehrt ist, in Nordkorea einzureisen – ist expliziter Teil des künstlerischen Konzepts. Für die Realisierung musste ich mich entlang des ehemaligen Grenzverlaufs aktiv mit den topografischen Besonderheiten meiner Heimat als auch mit den Bewohnern und deren Biografien auseinandersetzen. Diese Erfahrungen und Begegnungen sind tagebuchartig skizziert und fotografisch dokumentiert. Entstanden sind 5 Takbon- Abdrücke auf Hanji-Papier, welche die Geschichte ihrer Umgebung wiedergeben.

Googleearth Ansicht von Korea mit den 10 gesetzten Punkten auf dem 38. Breitengrad
Arbeitsprozess „Spurensuche auf dem 38. Breitengrad”

Jeewi Lee
(*1987, Seoul) arbeitet in ihren Bildserien, Aktionen und ortsspezifischen Rauminstallationen mit performativen oder alltäglichen Ereignissen, die im Werk nur als Spur sichtbar werden und ihr als malerisches Element dienen. Die Spur zeugt von Bewegungen (in urbanen wie in Ausstellungsräumen) und reflektiert zugleich ihren eigenen Produktionsprozess. Ihre Arbeiten machen soziale und historische Ereignisse sichtbar, die sich in unterschiedlichste Materialien eingebrannt haben. Jeewi Lee studierte Malerei an der Universität der Künste Berlin sowie am Hunter College University in New York. Als Preisträgerin der Villa Romana (2018) lebt und arbeitet die koreanisch-deutsche Künstlerin derzeit in Florenz.

Betreut von Prof. Dr. Jörg Heiser